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Das Diptychon von Boethius

Mo, 03/11/2014 - 13:50 -- Laura
Tipologia: 
Brescia, Das Diptychon von Boethius, Santa Giulia Stadtmuseum

Das wertvolle, als Konsulardiptychon entstandene Handwerksstück feierte die Erhebung von Narius Manlius Boethius – Vater des Philosophen Boethius – 487 n. Chr. in das Amt des Konsuls. Im Laufe der Zeit machte es jedoch eine radikale Wandlung vom profanen zum sakralen Gebrauch durch.
Die beiden Elfenbeintafeln zeigen auf der Vorderseite ein Abbild des römischen Konsuls: Auf der linken Seite stehend und unbewegt, auf der rechten Seite auf einem Stuhl sitzend, während er den Circusspielen vorsitzt. Auf beiden Darstellungen hält der Konsul in der linken Hand das Zepter mit dem flügelschlagenden Adler und in der rechten Hand die mappa, ein Stück Leinenstoff, mit dem nach einem von Nero eingeführten Brauch das Signal zum Start des Rennens der Quadriga (Vierergespann) gegeben wurde.
In der Darstellung auf der rechten Tafel ist der Konsul in dem Moment abgebildet, als er den Auftakt zum Rennen gibt. Das kann man sich jedoch nur vorstellen, weil diese in Wirklichkeit nicht in einen narrativen Kontext eingebettet ist. Es handelt sich also um eine rein sinnbildliche Darstellung, in der der Konsul von der Welt abgewandt erscheint (wie ein Souverän oder ein Heiliger), starr und unbewegt in seiner nüchternen und zurückhaltenden Gestik.

Auf der Rückseite der Tafeln zeugen zwei elegante Miniaturen christlicher Prägung, die Inschrift QVOS DEO OFFERIMVS und die Namenslisten darunter davon, dass zu einem späteren Zeitpunkt – genauer gesagt im 7. Jahrhundert – das Diptychon wiederverwendet wurde und zwar in kirchlichem Umfeld, ergänzt mit dem liturgischen Gebet der Fürbitte, als Gedenken an verstorbene oder lebende Wohltäter der Kirche.
Das Diptychon von Boethius hat eine lange Geschichte, die einige Historiker seit jeher mit dem Gebiet von Brescia verbinden. Im Besonderen hat das Auffinden der Namen der frühen Bischöfe von Brescia, Anatalone und Filastrio, in den Gedenklisten darauf schließen lassen, dass die Kirche in Brescia das Diptychon seit Jahrhunderten in der Liturgie verwendet hatte. In Wahrheit sind die Namen heute nicht mehr lesbar, da sie bereits bevor die Zeit die Tinte hat verschwinden lassen, ausgelöscht und wieder neu geschrieben wurden. Aus diesem Grund bleibt es bei einer faszinierenden, aber nicht nachweisbaren Hypothese.
Dem Diptychon von Boethius fehlt es an der Raffinesse und der komplexen Symbolhaftigkeit des Diptychons von Querini. Es zeigt nur wenig Plastizität und eine handwerkliche Technik, die nicht von künstlerischer Eingebung erleuchtet ist. Die Figur des Konsuls ist in beiden Versionen unbeholfen und statisch. Der Schöpfer findet Gefallen an der Beschreibung der aufwändigen Stickereien auf der Kleidung, schafft es jedoch nicht, dem Gesicht Leben einzuhauchen; dieses scheint flächig, gequetscht und ausdruckslos. Die Elemente der Umgebung (Beutel, Blätter, eine Opferschale) sind mit Unsicherheit ausgeführt. Auch die Inschrift auf dem Horizontalbalken ist unelegant und weit entfernt von klassischer Feierlichkeit. Die beiden Miniaturen auf dem christlichen Teil des Diptychons sind dagegen auf einem höheren künstlerischen Niveau: Die Auferstehung des Lazarus auf der linken Seite ist aufgrund der Stilwahl und der Gesamtheit der Szene mit der gleichnamigen Miniatur im Purpurkodex von Rossano Calabro aus dem 6. Jahrhundert vergleichbar. Die drei Kirchenlehrer der Westkirche, Hieronymus, Augustinus und Gregor, die im oberen Teil der rechten Tafel abgebildet sind, zeigen in ihrer streng frontalen Ausrichtung, dem starren Blick und der steifen Gestik Spuren von byzantinischem Einfluss.
Das Diptychon von Boethius ist im Besitz der Brescianer Familie Barbisoni – diese hatte es gegen Mitte des 17. Jahrhunderts vom Cavaliere Lodovico Baitelli geerbt – und wurde 1717 erstmals an die Öffentlichkeit gebracht. Anschließend war es Objekt einer Reihe von Studien, die von Kardinal Angelo Maria Querini unterstützt wurden und an denen europäische Gelehrte und Experten beteiligt waren. Diese beschäftigten sich vor allem mit der Interpretation des Monogramms und der Inschrift der vorderen Tafeln – ohne jedoch zu einer Übereinstimmung zu kommen. Kardinal Querini, der bereits das heute nach ihm benannte Diptychon (das zu der Zeit Amatorio hieß) und auch das der Lampadii besaß, verfolgte jahrelang den Traum, in den Besitz des Diptychons von Boethius zu kommen. Es gelang ihm nicht. So wie es 1757 dem Kenner und Forscher der Antike, Giuseppe Bianchini, nicht gelang, Giulio Barbisoni davon zu überzeugen, das Diptychon Papst Benedikt XIV zu schenken, von dem er als Gegenleistung Vorteile, Prälaturen und einen Adelstitel erhalten hätte. Es ist also der Eifersucht auf das Familienvermögen zu verdanken, dass das Diptychon in Brescia blieb und sich nicht auf den Weg nach Rom machte. Nachdem es auf dem Erbweg durch verschiedene Hände gegangen war, wurde das Diptychon von den Adeligen Fè der Gemeinde Brescia überlassen. Bis 1882 wurde es in der Bibliothek Queriniana aufbewahrt, und anschließend in das Stadtmuseum der Christlichen Epoche (Museo Civico dell’Età cristiana) überführt.

Diptychon von Boethius
Elfenbein, 12,6 x 35 cm
487 n. Chr.
Heute in Santa Giulia, Stadtmuseum
 

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